Vital schließt: Frauen-Fitness-Ära endet nach fast 30 Jahren

Bergedorf

Vital schließt: Frauen-Fitness-Ära endet nach fast 30 Jahren

Aktualisiert: 23.12.2022, 04:00

| Lesedauer: 6 Minuten

Kein Hanteltraining mehr im Vital; Das etwa 1000 Quadratmeter große Fitnessstudio ausschließlich für Frauen schließt nach fast 30 Jahren zum Jahresende. 

Foto: Jan Schubert / BGDZ

Geschäftsführer enttäuscht über Kündigung des Vermieters. Was jetzt mit der Fläche passiert und wo Frauen künftig trainieren können.

Bergedorf.  Am 23. Dezember 2022 endet eine Ära im Hochhaus an der Bergedorfer Straße 142. Und bei Ralf Dembowski schwingt Traurigkeit in der Stimme mit: „Das ist schon eine schöne, helle Fläche, ein Premium-Fitnessclub mit viel Atmosphäre.“ Denn an diesem Freitag schließt das Studio Vital Fitness Ladies first ausschließlich für Frauen für immer. Nicht ganz freiwillig zieht sich Dembowski aus dem Freizeit- und Sport-Metier zurück – allerdings wird sein „sportliches Erbe“ demnächst beim größten Bergedorfer Sportverein TSG Bergedorf fortgesetzt.
Die Bilanz des Vital kann sich sehen lassen: In Spitzenzeiten zeugten bis zu 1000 feste Mitglieder von hoher Zufriedenheit. Der Club im ersten Stockwerk bot für Frauen, hauptsächlich im Alter zwischen 25 und 35 Jahren, auf einer Fläche von etwa 1000 Quadratmetern nicht nur etwa 100 Trainingsgeräte des aktuellsten Standards, sondern zudem zwei Kursusräume, zwei Saunen, einen Kinderhort, Massageangebote, zehn Mitarbeiterinnen. Dembowski entdeckte mit seiner Eröffnung am 28. März 1993 offenbar, wie er es selbst nennt, ein „besonderes Marktsegment“ für diejenigen, die eben nur unter Frauen beim Sport bleiben wollten. Auch für Frauen mit Migrationshintergrund war das Vital eine sportliche Wohlfühloase: „Gerade diese Gruppe legt Wert darauf, dass kein Mann im Studio mittrainiert“, sagt Ralf Dembowski.
Trotz Kündigung hätte es im Vital auch weitergehen können
Doch schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie, der allen Fitnessstudios mit stark sinkenden Mitgliederzahlen durch lange Schließzeiten zusetzte, begann der Ärger. In dem ohnehin nicht unproblematischen Hochbau an der B 5 – Vermüllung, Drogendeals, einige größere Polizeieinsätze – erwies sich plötzlich das Flachdach über einem Teil des Studios als Schwachstelle: Ralf Dembowski beklagt seit drei Jahren 21 Wasserschäden, beantragte Mietminderungen bei Vermieter Glunz Immobilien. Bis dieser im März zum Jahresende 2022 kündigte mit der Begründung, das Dach solle nun nachhaltig saniert werden.

Weil in dem Kündigungsschreiben aber auch vermerkt war, dass Dembowski einen Nachfolger für das Studio stellen könne, „bin ich davon ausgegangen, dass es hier weitergeht“. Doch noch etwas anderes störte den ausgebildeten Sport-Physiotherapeuten: Glunz habe keinen Zeitraum benennen wollen, wie lang die Arbeiten dauern würden. „Mit dieser Ungewissheit als Unternehmer ist das Projekt Frauenfitness gestorben, weil mir die Kundinnen dann abhauen“, erzählt Dembowski in den Überresten seines Büros, wo vieles schon zusammengepackt ist. „Das alles entspricht nicht mehr meiner Vorstellung von einem Clubcharakter.“

Viele Gespräche, viele Flächen – am Ende ist die TSG Bergedorf die Lösung
Nach seinen Angaben bemühte sich Dembowski bis zuletzt sowohl um Nachfolger als auch um andere Gewerbeflächen, um Vital an anderer Stelle fortzusetzen, etwa das ehemalige Athlevo an der B 5 (heutiges Elite Fight House), das weiterhin geschlossene Persystema am Weidenbaumsweg oder die ehemaligen Praxisflächen über Edeka Dieter Heine. Gespräche habe es zwar gegeben, aber keine Ergebnisse, sagt der 63-Jährige heute. Auch das Angebot zweier Nachmieter habe Glunz Immobilien nicht akzeptiert. Bis zuletzt arbeiteten auch Dembowskis Anwälte an einer Klärung – allerdings erfolglos, weshalb den Mitgliedern erst relativ kurzfristig mitgeteilt werden konnte, dass das Vital zum Jahresende schließt.
Max Hartenstein, Prokurist bei Glunz, bestätigt, dass die Vermieterseite Anfang 2022 Vital gekündigt habe. Zuvor habe Glunz durchaus Angebote gemacht, die Wasserschäden professionell und dauerhaft zu beheben: „Herr Dembowski wollte die Geräte aber dauerhaft nicht herausräumen.“
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Vermieter Glunz sieht Sanierungsbedarf großflächiger
So sei nur noch die Kündigung geblieben. Warum die Parteien beim Thema Nachmieter nicht zueinander fanden, begründet Hartenstein so: „Sowohl wir als auch die von uns beauftragten Handwerker wissen nicht, wie lange eine derartige Sanierung dauern wird, damit wir nicht dauerhaft das Problem von Wasserschäden haben.“ Denn es ginge auf lange Sicht nicht nur um das Dach über dem Fitnessstudio, sondern auch der Parkplatz hinter dem Gebäude müsse zeitnah angefasst werden – hier konnten Vital-Kundinnen bis zuletzt parken.

Doch es wird eine Möglichkeit für weibliche Fitnessfans ab dem 1. Januar geben: Denn die TSG Bergedorf fand Gefallen an der Idee, einen eigenen Bereich für Frauen-Fitness einzurichten. Dazu wird nach Angaben von Vereinschef Boris Schmidt der Fitness-Bereich „BeFit“ im ersten Stockwerk im Bille Bad eingerichtet. Mit 120 Quadratmetern doch recht klein und beispielsweise ohne Sauna-Angebote, aber: „Die Frauen können sich alle drei TSG-Fitnessstudios, also auch im Sportforum und am Bult, ansehen und auch nutzen.“ Grundsätzlich glaubt der Vorsitzende der TSG, dass sich Frauen in allen Studios wohlfühlen sollten, „denn bei uns gibt es schon eine andere Klientel und eine angenehmere Atmosphäre als in größeren Fitnessstudios. Bei uns wird keine angestarrt.“ Die TSG übernimmt ferner auch zehn Mitarbeiterinnen (Festangestellte, Freiberufliche, auch eine Azubine im dritten Lehrjahr) von Ralf Dembowski und einen Teil seines Vital-Geräteparks, der Januar 2023 bleibt sogar beitragsfrei. Viele Trainingsparameter bleiben also bekannt und machen den Wechsel zur TSG schmackhaft – natürlich bestehe aber überdies ein Sonderkündigungsrecht.
Gelernter Sport-Physio macht nun in Ferienappartements
Nun räumen Dembowski und seine Crew bis zum Jahresende die Fläche komplett, veräußern sämtliche Trainingsgeräte. Der gebürtige Sylter könnte sich zukünftig verstärkt um Vermietungen von Ferienappartements auf seiner Heimatinsel in Westerland kümmern. „Ich gebe mein Studio besten Gewissens an die TSG weiter“, resümiert der 63-Jährige. Max Hartenstein wiederum kann sich übrigens sehr gut vorstellen, dass auf der dann ehemaligen Vital-Fläche ein ähnlicher Anbieter folgen wird. „Daran sind wir interessiert, das wollen wir sehr gern.“

Aktualisiert: Fr., 23.12.2022, 04.00 Uhr

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